Woche 7 meiner AUS.ZEIT.

Tag 43: Es ist Ebbe und der Strand zeigt mir heute ein gänzlich anderes Gesicht als die Tage zuvor. Überall hat das auf- und ablaufende Wasser kleine Kunstwerke entstehen lassen. Strukturen, Muster und Bilder, wohin ich schaue. All diese Kunstwerk sind einzigartig – einzigartig und vergänglich. Nur ein paar Stunden werden sie zu sehen sein, bis die nächste Flut sie überspült und wegwischt. Aber für den Moment sind sie da und haben die Kraft, mich innehalten und staunen zu lassen. So ist es wohl auch im Leben: Manches erscheint, berührt uns für einen Augenblick und verschwindet dann wieder, ohne dass wir es festhalten können. Und so lehrt mich dieses Kunstwerk, das ich zufällig am Strand entdeckt habe, den Moment zu schätzen, bevor er wieder vergeht.

Tag 44: Noch immer plagen mich Rückenschmerzen und ich denke mir: „Schwimmen könnte eine gute Idee sein“. Und genau so ist es: Das Wasser umschließt mich und nimmt für einen Moment die Schwere, die in meinem Rücken und in meinen Beinen liegt. Es trägt mich mühelos, als wolle es mich daran erinnern, wie sich Leichtigkeit anfühlt. Das Blau ist intensiv und die Lichtspiegelungen verwandeln das Wasser in ein lebendiges Mosaik, dem ich durch meine Bewegungen immer neue Formen gebe. Selbst die Tiefe macht mir keine Angst, sondern gibt mir das Gefühl, dass ich gehalten bin – ganz und gar. Und für eine Weile brauche ich nicht mehr als das.

Tag 45: Ich hebe den Blick – und alles ist blau: Der Himmel, das Meer – dazwischen scheint nichts anderes zu existieren. Das Eine geht in das Andere über. Und dieses Blau ist wie eine Umarmung, wie ein sanftes Pflaster auf meinem schmerzgeplagten Rücken. Ich spüre, wie etwas Tiefes sich löst: Anspannung, Sorge, alles, was schwer ist. Es ist, als ob der Himmel mir mit den Wellen Ermutigungen in meine Gedanken spült. Ich lasse mich umfangen vom Blau des Himmels, lausche dem leisen Rauschen des Wassers – und für einen Moment gibt es für mich nichts als dieses Blau: so unendlich, so ruhig, so wunderbar.

Tag 46: Heute mache ich mir selbst ein kleines Versprechen: Prends soin de toi – pass gut auf dich auf. 🪨💛 Ja, das werde ich – gut auf mich achten! Denn ich frage mich schon, warum ich gerade jetzt so ausgebremst werde. Was ist gerade dran? Wovor soll ich aufhören davonzulaufen? Womit mich beschäftigen? Irgendeinen Sinn muss doch all das haben, auch wenn ich ihn jetzt noch nicht erkenne. Ich nehme mir auf jeden Fall vor, gut auf meine Bedürfnisse zu achten, mir Ruhe zu gönnen und gut zu mir zu sein. Denn manchmal führt kein Weg daran vorbei, gut auf sich selbst aufzupassen.

Gebete schicke ich in den Himmel:
Eine Portion Heilung bitte.
Sorgen zerplatzen wie Seifenblasen,
Und Ängste gleich mit dazu.
Noch ist keine Besserung in Sicht – doch:
Dankbar bin ich für jede Unterstützung.
Habe nun Zeit, meine Gedanken fliegen zu lassen.
Erwartungsvoll schaue ich nach vorne,
Im Herzen den Glauben an Heilung.
Tausendundein Hoffnungsfunken schimmern hell.

Tag 47: Es ist beeindruckend, mit welcher Kraft die Wellen heute Abend gegen die Felsen krachen. Unaufhörlich türmen sie sich draußen auf dem Meer auf, rollen heran, brechen und schlagen gegen die Felsen. Ein feiner Salzwasser-Nebel liegt in der Luft und legt sich schnell auf Brille und Kameralinse. Und obwohl das Meer tobt, strahlt es gleichzeitig auch eine tiefe Ruhe aus. Oder liegt das an den großen Felsen, die zwar deutlich sichtbar die Spuren des Wassers zeigen, aber dennoch standhalten? Oder am Himmel, der in sanften Farben eine ruhige Weite über das wilde Tosen legt? So oder so – es erinnert mich daran, dass auch wir  im Leben immer wieder von Stürmen getroffen werden. Gut, wenn wir dann wissen, wo unsere Anker liegen und was unsere Ruhepole sind: Ein Buch, ein Freund, Gott, ein Ruheplatz…

PS: wie ich später erfahren habe handelt es sich um eine sog. Zyklonen-Flutwelle mit Wellenhöhen von bis zu fünfeinhalb Metern. Verantwortlich für das Spektakel ist ein Sturm, der Frankreich zwar nie berührt hat – doch die energiereichen Wellen, die er aufgewühlt hat, rollen nun hier auf den Strand.

Tag 48: „Feu d’artifice“ steht auf den Absperrungen am Strand und stellt mich mal wieder vor eine Gewissensfrage: gehen oder bleiben? Mein Rücken flüstert „gehen“, mein Herz ruft „bleiben“ – jeden Moment aufsaugen, nichts verpassen. Am Ende entscheide ich mich für einen Kompromiss. Ich gehe… und komme rechtzeitig zurück. Genau in dem Augenblick, in dem der Himmel aufleuchtet. Die Farben, das Knistern, das Strahlen – so überwältigend, dass mir Tränen in die Augen steigen. Es ist einer dieser Momente, die einfach so, so schön sind und gleichzeitig Fragen in mir wecken: Wie geht es weiter? Ist das der Abschluss oder der Beginn von etwas Neuem?

Vielleicht muss ich nicht auf alle Fragen sofort eine Antwort haben – sondern darf einfach den Augenblick leben und mich freuen über das, was ich bereits alles an hellen und schönen Momenten erlebt habe.

Tag 49: Mein Schatten auf dem Sand – barfuß zwischen Meer und Himmel, frei und verletzlich zugleich. Denn in meinem Schatten zeichnen sich Spuren ab – genau dort, wo mein Körper schmerzt. Erst mein Schatten lässt meine Schmerzen sichtbar werden – das stimmt mich nachdenklich. Wie oft sieht man den Menschen nicht an, was sie quält, und doch tragen sie ihre Lasten still mit sich, unsichtbar für die Welt. Für heute möchte ich glätten, was aufgewühlt ist und loslassen, was mir nicht dient. Und vielleicht darf hier, im Rhythmus der Wellen, ein Teil der Schwere bleiben, während ich weitergehe – langsam, Schritt für Schritt.