AUS.ZEIT. – Fotos und Gedanken – Woche 12
26.09.2025 / WETTER.LAGE.
„Wie geht es dir?“ werde ich gefragt – und tue mir oft schwer mit der Antwort. Denn ein „gut“ oder „ganz ok“ trifft es meist nur ansatzweise. Aber möchte es mein Gegenüber überhaupt so genau wissen?
Es ist schon eine ganze Weile her, da habe ich mal gelesen: Ändert man die Frage, werden die Antworten plötzlich viel differenzierter. Fragt man zum Beispiel: „Wie ist das Wetter in dir drin?“, könnte die Antwort lauten: „Viele Wolken am Himmel, aber da hinten kommt Licht durch“. Oder aber: „Stürmisch ist es. Vieles wird aufgewirbelt und hin und her gepustet. Aber ich merke schon, wie der Wind nachlässt“. Oder vielleicht auch „Strahlend blauer Himmel, kein Wölkchen in Sicht“. Oder ist da in weiter Ferne vielleicht doch ein leichtes Grummeln zu hören, weil uns irgendetwas Sorgen macht?
Wird mir diese Frage gestellt, beginne ich erstmal in mich hineinzuhorchen. So auch heute Abend: Die WETTER.LAGE. in mir drin ist heute wechselhaft: Da ist viel Licht, da waren aber auch einige graue Wolken, die im Laufe des Tages dunkler wurden. Und auch jetzt sind sie noch da – aber sie haben ihre Bedrohlichkeit verloren. Ihr Leuchten in intensiven Farben legt sich wie ein Teppich der Ruhe über mein Inneres – tröstlich fast, als hätten sie etwas Wichtiges erzählt und dürften nun einfach da sein.
Foto: Camping La Devèze, Cevennen
27.09.2025 / Morgenstimmung
„Man soll den Tag nicht vor den Abend loben“ – heißt es. Warum eigentlich nicht? Ich mache heute mal genau das und lobe den Tag schon am frühen Morgen. Denn wenn der Tag mit diesem aussichtsreichen Blick und diesem verheißungsvollen Licht anfängt, kann er doch nur gut werden. Und so reicht mir heute schon dieser leuchtende Anfang, um diesen Tag und diesen Ort im Herzen zu tragen.
Foto: Camping La Devèze, Cevennen
28.09.2025 / 80 Tage – Begegnungen in Licht und Schatten
80 Tage bin ich nun unterwegs – Zeit innezuhalten und zurückzublicken. Nicht auf die Kilometer, die Straße, die Route — sondern auf die Gesichter, die dieser Reise ihren Stempel aufgedrückt haben und mich auch ein Stück weit verändert haben.
Ich erinnere mich an das französische Pärchen in Spanien, die mich auf ein Glas Wein einladen und an ihrer spannenden Geschichte teilhaben lassen: In 13 Monaten 35.000 km auf dem Fahrrad um die Welt. Chapeau!
An Guido und Iris, die mich bei meiner Fahrradpanne so tatkräftig unterstützen und mir außerdem zwei äußerst unterhaltsame Abende schenken. An das Personal auf dem Campingplatz in Soulac-sur-Mer, die für mich da sind, als es mir ganz schlecht geht. Der Hausmeister, der mir zum Abschied wie verrückt hinterher winkt. An Rachel, die Krankenschwester, die mir ihre private Telefonnummer gibt, um mir auch auf meiner weiteren Reise helfen zu können. An Arco, Ingrid und Frank, die für mich kochen und mir mit so viel Herzlichkeit begegnen. Unser Zusammentreffen dauert zwar nur einen Augenblick, bleibt aber irgendwie hängen.
Und da gibt es noch so viele mehr: das französische Pärchen, das mein Französisch liebevoll verbessert und mir so viel über die regionalen Spezialitäten erzählt. Das Personal im Hotel, die Osteopathen… selbst die Autofahrer, die sich so freundlich bedanken, wenn ich sie vorbei lasse… Manchmal glaube ich, ich bin in einer Welt gelandet, in der es plötzlich nur noch nette Menschen gibt. Schön ist das!
Dabei war nicht jeder Tag in den letzten 80 Tagen leicht. Ganz im Gegenteil: An manchen Tagen hat sich Einsamkeit eingeschlichen oder die Schmerzen und die Ungewissheit haben mich beinahe überwältigt. Aber gerade an solchen Tagen waren es die Menschen, die mich getragen haben. Auch die zuhause: Familie, Freunde… 💛
Wenn ich diese Reise also bisher zusammenfasse, dann so: Ich habe nicht nur Frankreich durchquert, sondern bin Menschen begegnet, die den Weg reich gemacht haben. Manche Begegnungen waren kurz, manche dauerten länger. Aber all diese Augenblicke hinterließen Spuren. Und so nehme ich aus den letzten 80 Tagen nicht nur Bilder auf dem Handy mit (wenn auch ne ganze Menge 😉), sondern v.a. auch Gesichter und Geschichten im Herzen. MERCI POUR TOUT 😍.
Foto: Camping Des Favards, Violès
29.09.2025 / Zusammen ist man weniger allein
Was habe ich diesem Tag entgegengefiebert, all meine Energien darauf ausgerichtet: Endlich mal wieder in den Arm genommen zu werden, nicht mehr alles alleine tragen zu müssen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Und dann ist meine Schwester da 💛. Gemeinsam unterwegs zu sein macht tatsächlich vieles leichter. Nähe und Verbundenheit tun gut. Menschen an der Seite zu haben, mit denen man lacht, redet, schweigt – und die einen so nehmen, wie man ist – das schenkt Kraft.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas Kostbares. Und einmal mehr wird mir klar: Im Miteinander liegt eine besondere, eine heilsame Kraft.
Foto: Vaison-la-Romaine
30.09.2025 / Die richtige Würze
Im Leben gibt es diese Momente, die genau die richtige Würze haben – deren Farben und Aromen uns lange in Erinnerung bleiben. Oft sind es die kleinen Augenblicke, die wirken wie eine bunte Mischung aus Gewürzen: Der wahre Geschmack entfaltet sich erst in ihrer Vielfalt. Und dabei zählt jedes einzelne. Kein Gewürz braucht es im Übermaß, sondern in der richtigen Dosis.
Vielleicht geht es im Leben genau darum: jede kleine Prise bewusst wahrzunehmen und zu genießen. Damit wir auch dann noch davon zehren können, wenn die Tage grau sind und fad schmecken.
Foto: Vaison-la-Romaine
01.10.2025 / Ein Flügel aus Stein – still, doch voller Kraft
Ein schmaler Felsen ragt im Ockersteinbruch von Rustrel in den Himmel – l’aile du dragon wird er genannt: Der Flügel des Drachen. Und tatsächlich: Mit ein bisschen Phantasie kann man ihn sehen, den schlafenden Riesen. Sich vorstellen, wie er lange, lange geflogen ist und sich nun hier niedergelassen hat, um sich auszuruhen. Sich ausmalen, wie er erwacht, den Staub von seinen Flügeln schüttelt und abhebt, um erneut zu fliegen.
Und irgendwie habe ich plötzlich ein Zitat aus einem Buch von Andreas Izquierdo im Kopf. Darin heißt es sinngemäß: Das einzige, worum es im Leben geht, ist zu fliegen. So hoch wie möglich, so lange wie möglich, so intensiv wie möglich. Landen müssen wir sowieso alle irgendwann – aber davor können wir doch fliegen…
In diesem Sinne: Flugmodus an, alles Schwere loslassen und ab geht die Post… 😀
Foto: Rustrel
02.10.2025 / Farben sammeln
Manche Orte schenken uns ihre ganze Palette an Farbtönen, so auch Roussillon: warme Ockertöne, die in der Sonne leuchten, sanftes Grün an den Fensterläden und darüber das tiefe Blau des Himmels.
Solche Farben sammelt man im Herzen, im Gedächtnis, wie kostbare Mosaiksteine. Sie tragen die Wärme des Südens in sich, lassen uns träumen und erinnern. Und wenn die Tage zuhause einmal grau sind, holen wir sie hervor: ein Stück Ocker, ein Hauch Blau, ein Schimmer Grün – und schon schmeckt das Leben wieder heller.






