AUS.ZEIT. – Fotos und Gedanken – Woche 1

11.07.2025 / Heute ist ein guter Tag, um glücklich zu sein

Und dann ist der Moment plötzlich da: ein letzter Blick zurück in die Wohnung, den Schlüssel umdrehen und los. Es fühlt sich merkwürdig an, jetzt wirklich in meiner Auszeit zu sein. Der Abschied von den Kollegen – „wir sehen uns im November“ – klingt noch nach, während wir in Richtung Süden rollen. Noch habe ich meine Nichte an meiner Seite und so fühlt es sich fast ein bisschen wie ein Aufbruch in den Urlaub an. Normal irgendwie. Dass ich vielleicht erst in drei Monaten zurück sein werde, ist noch unwirklich. Und doch breitet sich langsam Leichtigkeit aus und zurück bleibt jedes Müssen, jede Anstrengung.

Nach ein paar Stunden Fahrt beschließen wir: genug für heute. Wir landen auf einem Stellplatz an einem See kurz vor Frankfurt. Noch nie davon gehört – und doch fühlt es sich genau richtig an. Die Sonne lacht, wir sitzen im T-Shirt am Wasser. Der Wind streicht über meine Arme. Vor mir: eine grüne Wiese, ein tiefblauer See, dahinter die Spitze eines Kirchturms, darüber weiße Wolken. Könnte es besser sein?

Ein paar Meter weiter hängt eine Plane an einer Absperrung. Darauf ein Smiley, ganz schlicht, gelb und strahlend. Während ich ihn anschaue, geht ein Lächeln durch meinen ganzen Körper und für einen Moment ist da dieses leise Gefühl: Es wird gut werden. Heute ist ein guter Tag, um glücklich zu sein. Mehr muss ich gerade gar nicht wissen.

Foto: Hungen

12.07.2025 / Die Kraft liegt in der Gelassenheit

An Tag zwei dann Frankreich und die bange Frage: klappt alles mit den Stellplätzen? Doch auch heute landen wir auf einem wunderschönen Platz, diesmal direkt am Canal du Voges.

Beim Erkunden der Umgebung ist es dann wieder etwas Kleines, das meinen Blick auf sich zieht: ein bemalter Stein mit dem französischen Spruch „La force se trouve dans la sérénité“ – die Kraft liegt in der Gelassenheit.

Ich muss schmunzeln: Manche Botschaften muss man nicht suchen. Sie legen sich einem wortwörtlich vor die Füße, damit man gar nicht anders kann, als sie wahrzunehmen. Ich hebe den Stein auf und denke mir: Botschaft angekommen: weniger Sorgen machen, mehr Vertrauen. Es wird schon alles so kommen, wie es kommen soll.

Vielleicht ist ja genau das meine Aufgabe während dieser Reise: darauf vertrauen, dass ich vielleicht nicht immer da lande, wo ich hinwill aber da, wo ich sein soll.

Foto: Nomexy

13.07.2025 / Ankommen und festmachen

Ein altes Boot liegt ruhig im Canal Charles Quint. Davor Seerosen, dahinter ein Himmel in Bilderbuchblau. Als würde alles sagen: Bleib. Schau. Genieße.

Und doch ist da dieses Kribbeln, das jedes Ankommen begleitet. Was erwartet uns hier? Welche Menschen, welche Begegnungen? Wie fühlt sich der Stellplatz an, wie der Ort? Ich werde jedes Mal aufs Neue von diesem Erkundungsdrang überfallen. Kaum angekommen, will ich schon los – Wege ausprobieren, Schönes entdecken, spüren, wie sich ein Ort wirklich anfühlt.

Hier in Dole, eingerahmt vom Wasser der Doubs und ihren Kanälen, wirkt alles ein bisschen wie gemalt. Heute ist der Tag vor dem Nationalfeiertag, eigentlich sollte es ein großes Fest geben – mit Musik und Feuerwerk. Doch das fällt buchstäblich ins Wasser. Und auch wir werden pitschnass und greifen mit einem Achselzucken zu Plan B: französische Musik im Wohnmobil, während der Regen aufs Dach trommelt.

Ankommen bedeutet eben nicht immer Postkartenwetter. Manchmal heißt es auch improvisieren. Und manchmal ist es genau dieser Plan B, der einer Reise ihre eigentliche Geschichte schenkt – und aus einem verregneten Abend eine Erinnerung macht, die bleibt.

Foto: Dole

14.07.2025 / Den Moment genießen

Das erste französische Croissant. Dieser Duft! Und dann der erste Biss in das noch leicht warme, krümelige Croissant – lecker, einfach lecker. Manchmal braucht es gar nicht viel, um im Hier und Jetzt anzukommen.

Und so ist es plötzlich ganz leicht, diesen Moment nicht nur vorbeiziehen zu lassen, sondern ihn wirklich auszukosten. In Gedanken nicht schon am nächsten Etappenziel zu sein, sondern genau hier – am Frühstückstisch mit einem Becher Kaffee und französischen Backwaren.

Für meine Reise wünsche mir noch viele weitere solcher Momente, die sich ganz leise und unaufgeregt ins Herz schleichen – und dortbleiben.

Foto: Dole

15.07.2025 / Raum zum Unterwegssein

Zum ersten Mal kommt mein E-Bike, mein Hildchen, zum Einsatz. Es trägt mich mühelos – zuerst zum Bäcker und dann, weil es gerade so schön rund läuft, weiter zu den Quellen von Volvic. Nach einem Schluck erfrischenden Quellwassers sind auch die nächsten Hügel kein Problem. Würde nicht das Frühstück warten, würden wir vielleicht noch weiterfahren – aber so geht es gemütlich zurück.

Mein Tempo ist ein anderes als das der Tour de France. Kein Durchrauschen, sondern ein bewusstes Wahrnehmen: jeder Hügel, jeder Sonnenstrahl, das leise Summen des Fahrrades und die Erinnerung an die klare Frische des Wassers. Es ist eine Geschwindigkeit, die genug Raum lässt, um unterwegs zu sein – und nicht nur anzukommen.

Und so fühle ich mich – am Wohnmobil angekommen – leicht und zufrieden, getragen und nicht gehetzt: Ein guter Start in den Tag.

Foto: Volvic

16.07.2025 / FREUDEN.TANZ.

Durch Zufall landen wir heute in Martel, zu Recht „un de plus beaux villages de France“: schmale Gassen, alte Steinhäuser, bunte Fensterläden, Blumen und kleine Geschäfte. Als am Abend französische Musik mit Akkordeon erklingt und sich halb Martel zum Tanzen trifft, weiß ich: Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Und diese gefühlte Lebensfreude – la joie de vivre – ist für mich Grund genug, mich ein wenig mit der FREUDE zu beschäftigen:

So viel bringt das Wort Freude in mir zum Klingen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich wünsche mir Freude in meinem Leben. Diese Freude, die das Herz zum Hüpfen, den Mund zum Lachen und die Augen zum Tränen bringt. Diese Freude, die meine Beine hüpfen und in meinem Bauch kleine Murmeln lustig aneinanderklicken lässt. Sie füllt mich aus, lässt mich alles andere vergessen, übermütig werden, mitteilsam, vielleicht ein bisschen lauter als sonst. Denn Freude will geteilt werden.

Ja, manchmal vermisse ich sie auch diese Freude. Frage mich, wo sie geblieben ist. Hat sie sich hinter grauen Wolken oder sorgenvollen Gedanken versteckt? Vielleicht sollte ich sie gerade dann suchen, denn im Suchen und Finden ist sie sicher zu entdecken.

Und hat Freude vielleicht auch etwas mit Bewegung zu tun? Nicht umsonst heißt es doch Freudensprünge, Freudentanz, Freudentaumel – starr vor Freude ist man wohl eher selten. Vielleicht war sie mir deshalb auch ein bisschen abhandengekommen in letzter Zeit – zu sehr hat mich das Knie ausgebremst. Aber nun möchte ich sie wieder einziehen lassen, die Freude. Ihr den Raum geben, den sie braucht. Ich möchte, dass sie mich von innen wärmt und nähert, mir Schwung gibt und mich mit Fröhlichkeit durch jeden einzelnen Tag tanzen lässt. Dass sie sich, um mit Rilkes Worten zu sprechen, wie eine gute Jahreszeit auf mein Herz legt. Also komm, liebe Freude, ich bin bereit!

Foto: Martel

17.07.2025 / Glück kommt in Wellen

Et voilà: la mer. Wir sind angekommen! Nach einer am Ende langen und anstrengenden Fahrt breitet sich vor uns der Atlantik aus – und alles andere ist sofort vergessen. Das Rauschen der Wellen, das klare, erfrischende Wasser, die unbändige Kraft des Meeres und der feine, warme Sand schenken uns ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit. Es ist wie ein Aufatmen. Ein Loslassen. Ein Ankommen.

Wir lassen den Sand durch unsere Hände rieseln, spüren ihn zwischen den Zehen und dann zieht uns das Wasser wie magisch an: Was für eine Freude, ein- und unterzutauchen. Wir lassen uns von den Wellen tragen, tauchen durch sie hindurch und wieder auf. Salziger Geschmack auf den Lippen, das kühle Wasser auf dem Körper – wir strahlen miteinander um die Wette.

Immer wieder denke ich: Glück kommt eben doch in Wellen. Denn genau hier, genau jetzt, spüre ich in jedem Tropfen Wasser die pure Freude.

Foto: Contis plage